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die grüne Politikerin und evangelische Theologin
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Sie hat einen theologischen Doktortitel, predigt von Kanzeln, ist aber seit 15 Jahren im Deutschen Bundestag und vor allem Politikerin. Aber Vermischung, das mag Antje Vollmer nicht. Weder Politik auf der Kanzel noch Predigen im Parlament. Angefangen hat sie bei der außerparlamentarischen Opposition. Das Parlament und die damit verbundene Macht war ihr damals zuwider, und jetzt ist sie Vizepräsidentin des Parlaments, des nach amtierenden Deutschen Bundestages. Ist das jetzt für Antje Vollmer einfach nur Anpassung, oder hat sie die frühen Revoluzzerjahre locker überwunden?
Antje Vollmer hat sich als Treffpunkt für das Gespräch die Umgebung schöner nackter Menschen ausgesucht, allerdings aus kühlem weißem Marmor und einige Jahrhunderte alt. Die Antikensammlung, die zur Zeit in der Kassler documenta-Halle ausgelagert ist, hat es der gelernten Pfarrerin angetan, nicht nur weil sie für das Theologiestudium Altgriechisch lernen musste, sondern weil sie die kühle Distanz der Figuren fasziniert.
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Frau Dr. Vollmer, die griechische Antike ist kühl und schön und hat ein ganz bestimmtes Schönheitsideal. Was fasziniert Sie daran?
Zunächst einmal die Erinnerung. Am Ende meiner Schulzeit war mir nicht ganz klar, ob ich Theologie studieren sollte oder Archäologie. Die Archäologie hat mich schon sehr gelockt, auch mittels eines Lateinlehrers, der mit mir damals schon die ersten Anfänge von Griechisch studiert hat und mir immer wieder geholfen hat, wenn es der Spaß an der Schule bei mir nachließ. Dann hat er mich immer gelockt und gereizt, u.a. mit der Antike.
Liegt es daran, dass die Figuren alt sind, dass sie einfach aus einer anderen Zeit stammen oder weil sie so schön sind?
Es ist die Klassik und auch die Archaik, d.h. die Unnahbarkeit. Kunstwerke oder Kunst, die so hautnah zupackend ist, mag ich nicht so sehr. Vielleicht bin ich deswegen etwas medienkritisch.
Welche Rolle spielt die Kunst für Sie?
Eine ziemlich große. Nicht zu allen Zeiten meines Lebens immer gleich intensiv, aber ich bin immer wieder darauf zurückgekommen, sogar in der Politik. Ich war z.B. stark daran beteiligt, ein Bundeskulturministerium zu fordern und ich finde das überfällig, dass es jemand gibt, der auf der europäischen Ebene für uns auskunftsfähig ist und der auch im Inneren nicht jedem Künstler alleine diese Schwerstarbeit überlässt, sich selbst zu vermarkten. Interessenvertretung wäre für die deutsche Politik angebracht, wenn man das Land der Dichter und Denker regiert. Das 18. Jahrhundert ist übrigens die zweite Zeit, die mich sehr interessiert. Nicht zufällig ist man damals wieder der Antike verfallen. Was mich immer irritiert hat ist, wie man von diesem sehr maßvollen Schönheitsideal des 18. Jahrhunderts auf den grausamen Wilhelminismus gekommen ist. Damals begann ein gewisse Fülle von Maßlosigkeit und dem Formverlust.
Was hat Sie zum Theologiestudium bewegt?
Ich hatte eine sehr beeindruckende Großmutter, die in der bekennenden Kirche zu Hause war. Die bekennende Kirche erschien mir damals als die einzige mit einer geraden Geschichte in der deutschen Geschichte und wie die meisten meines Jahrgangs war ich sehr viel mit der Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus beschäftigt. Ich habe sehr gute soziale Erfahrung mit der Kirche in meiner Kleinstadt gemacht, ein paar interessierte Vikare und schon war man plötzlich in dem Thema drin.
War es auch das Politische im Christentum und in der Überlieferung, was Sie motiviert hat?
Damals ja. Das Theologiestudium erschien damals als eines der freiesten Studien. Man konnte alles studieren und sich sagen, das kann dafür nur nützlich sein, von der Archäologie über die Psychologie bis hin zur Literatur und Historik, ein richtiges „Studium universale“, das habe ich ja Gott sei Dank noch alles in vollen Zügen mitnehmen können, bevor die Studentenbewegung losbrach, was diese Form des klassischen Studiums ziemlich stark verändert hat, nicht immer zum Vorteil, wie ich heute finde.
Viele kreiden es der Kirche an, wenn sich die Pfarrer in die Parteipolitik einmischen. Wie sehen Sie das?
Es gibt Epochen, wo dies angesagt ist und das war die Lehre der bekennenden Kirche, ein sehr deutliches Wort zur politischen Lage zu sagen und trotzdem zu sagen, dass man von ganz wo anders herkommt. Wenn ich Politikerin bin, dann muss ich mit normalen politischen Mitteln und Redeformen arbeiten und wenn ich Pastorin bin, habe ich eine ganz andere Rolle. Trotzdem habe ich als Politikerin meine christlichen Traditionen, die mir sehr wichtig sind, und als Pastorin bin ich ein politischer Bürger.
Gibt es für Sie einen Zusammenhang, wo tatsächlich von einem Bibelwort eine politische Handlung ableitbar ist?
Die Studentenbewegung war eine Aufbruchszeit, die Friedensbewegung war eine Aufbruchszeit, die ökologische Bewegung war eine Aufbruchszeit. Diese Zeiten hatten Überzeugungs-, um nicht zu sagen missionarische Botschaften. Aber das sind Aufbruchszeiten, das sind romantische Zeiten. Dies jedoch als Dauerzustand zu konservieren, da tut man zuviel. Kurz und gut, die Zeiten ändern sich.
Würden Sie sagen, in dieser Zeit ist die reine, an realen Zielen orientierte Politik angesagt, wo christliches Ethos nicht direkt hineinspielen darf?
Das Ganze ist keine Bekehrung, sondern ein tieferes Verständnis der unterschiedlichen Instrumente, mit denen man auf Menschen zugehen und auch Einfluss auf sie nehmen kann. D.h. ich bin eher vorsichtiger, reflektierter, nachdenklicher über diese vielen Zugriffe, die einerseits der Politikermensch und andererseits der Kirchenmensch auf seine Mitmenschen ausüben kann.
Was hat Sie bewegt, dies so zu sehen?
Am meisten meine Beobachtung der Entwicklung in den Medien. Die Medien sind heute die modernen, großen Organisationen, die diese ständige Beeinflussung mit unglaublich subtilen aber auch unglaublich mächtigen Mitteln vollziehen. Sie beziehen sich fast immer auf Vorbilder aus dem Religiösen, überfließend, überwältigend, Angst machend oder Hoffnung projizierend.
Hat Sie das nicht auch ein stückweit abgeschreckt?
Ich habe selbst genauer über die eigenen Regeln nachgedacht. Übrigens sind die Grünen mit die ersten gewesen, die in diesem Sinne eine ganz moderne Partei waren, weil sie ihre Botschaften weniger in einem nüchternen Sinne formuliert haben, sondern viel mehr von diesem Erweckenden, Beunruhigenden, Strömenden, Überwältigenden und dem mitreißen wollenden hatten. Es war eine tolle Erfahrung zu sehen, wie stark das wirken kann. Das war sehr hilfreich für unsere Botschaften.
Wie stellen Sie sich ein Leben nach dem Tod vor?
Ich stelle es mir nicht besonders vor. Mich beschäftigt mehr ein Leben vor dem Tod ohne Angst vor dem Tod, so zu leben, dass man den Tod nicht fürchten muss.
Die theologischen Aussagen der Bibel legen dar, dass man bei Gott ist, ohne Formgestalt. Es gibt in allen Hochkulturen die Aussage, dass es um eine besondere Form des bei sich seins und der Ruhe geht.
Es ist aber etwas, was viele Menschen nicht besonders anziehend empfinden. Und die Gretchen-Frage nach der Religion ist oft die: Was kommt danach?
Diese Angst vor der Ruhe und der Konzentration auf das Wesentliche, ist eine eher westliche Eigenart. Ich neige eher zu dem östlichen Modell, das das meditative „nur noch schauen können und nicht mehr haben und handeln müssen“ hervorhebt. Das ist eine wunderbare Vorstellung, im Übrigen auch für Politiker.
Als Sie mit der Politik begonnen haben, waren Sie eher in der außerparlamentarischen Position anzusiedeln. Jetzt sind Sie Vizetagspräsidentin des Bundestages. Ist das nicht ein unheimlicher Sprung?
Rein machtpolitisch ist der Sprung ganz klein, denn es ist ein fast machtfreies Amt. Ich habe alle Etappen mitgemacht, von der außerparlamentarischen Identität, wo das Ankommen im Parlament schon fast ein Ankommen in einer fast unerlaubten Zone war. Mich allmählich zu identifizieren ging relativ schnell: das Ausschöpfen zum einen dieser Arenamöglichkeiten, zum andern aber auch der Gestaltungsmöglichkeiten des Bundestages, also Mitsprache zu haben. Die letzte Etappe, an der die Grünen jetzt sind - die ehemaligen Außerparlamentarischen – besteht darin, zu sagen, dass man es auch wagen kann, Regierungsverantwortung zu übernehmen.
Wenn Sie sich zurückerinnern, sind Sie immer Sie selbst geblieben oder hat es einen Bruch gegeben?
Die Frage nach der eigenen Veränderung kommt oft mit einem moralische Gestus: Hast du dich selbst oder die Person verraten, die Du mal gewesen bist? Ich habe mich nicht besonders viel verändert. Trotzdem gibt es ganz viele Erinnerungen an mein politisches Agieren, die ich heute mit großer Distanz oder mit sogar gewisser Beschämung sehe, so z.B. die Art und Weise der Auseinandersetzung mit anderen Parteien. Die oft übermoralisiert. Faktisch war es wie ein Religionskrieg. Ich habe ungeheuer viel dazu gelernt. Fast nichts was ich wusste, hält heute noch stand. Vor der politischen Professionalität habe ich viel größeren Respekt gewonnen, auch vor der Leistung die im Verändern von Wirklichkeiten liegt.
Hätten Sie damals nicht dazu gesagt: Ich habe mich ans System gewöhnt?
Das kann wohl sein. So hochnäsig waren wir damals alle und mit großem Vergnügen. Ich würde mich heute mit jemand, der so mit diesem Gestus auftritt, sehr ernsthaft und sehr erwachsen auseinandersetzen. Ich würde ihm Widerstand bieten und nicht vor ihm zusammenbrechen. Ich würde auch nicht reumütig sein, sondern versuchen, eine für die Politik übliche Erwachsenenrolle einzunehmen, mit etwas Tapferkeit im öffentlichen Raum der Auseinandersetzungen.
Hanno Gerwin:
Was wäre Ihr größtes, konkretes politisches Ziel, wenn Sie es versuchen, auf den Punkt zu bringen?
Die europäische Einigung voranzutreiben und zu schauen, dass nicht der ganze Osten Europas in einer Trostlosigkeit ohnegleichen, gleichbedeutend mit Chaos, versinkt. Dazu könnte der Westen eine Menge tun und dazu müsste die deutsche Politik endlich aus ihrer Bauchnabelschau und ihrer unglaublichen Wehleidigkeit an einigen Punkten heraus kommen, um den Blick frei zu haben für die wirklich wichtigen Probleme in der Welt.
Und für Sie persönlich? Was wäre Ihr Wunsch, wenn Sie einen einzigen frei hätten?
Ich würde gerne dazu beitragen, dass eine Religion, die ich ganz gut kennen gelernt habe – den tibetischen Buddhismus - nicht zur esoterisch westlichen Weltreligion wird, sondern wieder an seinen historischen Ort zurückkommt, nach Tibet. Und dass auch die Chinesen über diese Brücke gehen, dieses Tor aufzumachen. Es wäre eine unglaubliche Erfahrung, dazu beitragen zu können.
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| Dr. Antje Vollmer |
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| ... im Gespräch |
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| ... mit Hanno Gerwin. |
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