Gerwin TRIFFT Guido Westerwelle,

Guido Westerwelle,
den Bundesvorsitzenden der FDP

Er gehört seit 1996 dem Deutschen Bundestag an und wurde im Jahr 2001 zum Bundesvorsitzenden der FDP gewählt. Guido Westerwelle studierte Jura und war als Rechtsanwalt tätig, bevor er sich voll und ganz der Politik widmete. Immer wieder hat er Schlagzeilen gemacht: Das "Projekt 18", die Auseinandersetzung mit Jürgen Möllemann, das "Guidomobil" oder der Auftritt im "Big Brother"-Container, um nur einige zu nennen. Der Parteivorsitzende ist ein Arbeitstier und Teammensch - auf seiner Homepage stellt er seine Mitarbeiter persönlich vor. Er glaubt an die Liberalen und streitet für die Freiheit. Bei den Bundestagswahlen im September 2009 konnte er einen großen Erfolg verbuchen. Die FDP wird Koalitionspartner der CDU und ist somit Regierungspartei.

Guido Westerwelle, lassen Sie uns zunächst über die Freiheit sprechen, die der freiheitlichen Partei den Namen gegeben hat. Freiheit ist ja etwas, das für Kinder selbstverständlich ist und Jugendliche oder Erwachsene, werden erst darauf aufmerksam, wenn sie sich eingesperrt fühlen. Mich würde interessieren, wann haben Sie zum ersten Mal bewusst mit diesem Begriff Freiheit etwas anfangen können?
Eigentlich von Anfang an. Ich bin mit drei Brüdern groß geworden. Vier Jungs zu Hause, da können Sie sich vorstellen, dass die eigene Freiheit schnell da endet, wo die Freiheit des Bruders beginnt. Da lernen Sie ganz schnell, dass Sie frei sein wollen, dass aber auch Freiheit die Grenze der Verantwortung hat.

Und wie war das in Ihrem Elternhaus? Hat Ihr Vater, der Sie überwiegend erzogen hat, Sie machen lassen, was Sie wollten oder haben Sie auch gespürt: da ist ein strenger Vater, der mich auch einschränkt und fordert?
Mein Vater hat ja die meiste Zeit uns Jungs alleine erzogen, nach der Scheidung meiner Eltern, die schon Anfang der 70er Jahre stattgefunden hat. Er hatte gar nicht so viel Zeit, sich um uns zu kümmern. Er ist selbstständiger Rechtsanwalt und hat uns, wie man so schön sagt, sehr an der langen Leine laufen lassen. Die Brüder haben sich gegenseitig sehr stark erzogen und das ging manchmal sehr handfest zu.
Dann natürlich in der Schule selbst - auf der Realschule war ich zuerst, das war eine reine Jungenschule - lernt man sehr schnell sich mit anderen Menschen zusammenzufinden, sich zu arrangieren und gleichzeitig aber auch sich zu verwirklichen.
Ich glaube, wenn mein Vater mir zu strenge Regeln gesetzt hätte, dann hätte ich sie verletzen wollen. Und diese Phase mit langen Haaren und Schmuddelparka, die hatte ich natürlich auch. Und wenn das mein Vater kritisiert hätte, dann hätte ich es erst recht gemacht. Aber das hat er gesehen, hat sich wahrscheinlich innerlich köstlich amüsiert, dass ich mich gerade in der Pubertät auflehnte und hat es stehen lassen.

Das ist eigentlich ein sehr solides, liberales Fundament. Das sind gewissermaßen Urwurzeln, die Ihnen das Gefühl geben: Freiheit ist etwas Selbstverständliches und etwas Wichtiges, und wenn sie nicht da wäre, würde ich mich dagegen wehren.
Ja, das ist auch so. Wie ich ohnehin glaube, dass die Art, wie man groß wird, in welchem Umfeld man groß wird, das spätere Leben sehr prägt: ob man mit Menschen gerne zusammen ist oder sich vor Menschen und vor größeren Menschenmengen fürchtet, ob man eher schüchtern nach innen gekehrt ist oder ob man gerne auf Menschen zugeht - das hat sehr viel auch mit der eigenen Kindheit, mit der Jugend zu tun, ganz gewiss auch manchmal mit dem Landstrich, woher man kommt.
Freiheit heißt für mich eben nicht, die Freiheit eines Robinson Crusoes, auf seiner Insel, quasi alleine, isoliert zu sein, und dann kommt irgendwann mal Freitag dazu, sondern Freiheit ist für mich die Freiheit des Menschen sich selbst zu verwirklichen und gleichzeitig auch die Verantwortung für andere und sich selbst wahrzunehmen. Das habe ich jedenfalls sehr früh mitgekriegt.

In der christlichen Religion spielt die Freiheit eine ganz große Rolle. Martin Luther hat eine seiner wichtigsten Schriften überschrieben: "Die Freiheit eines Christenmenschen", der niemandem untertan ist, was damals natürlich noch was anderes war als heute, und Paulus sagt ganz einfach "Zur Freiheit hat euch Christus befreit". Wie würden Sie jetzt diese Texte auslegen?
Ich bin selbst Mitglied der Evangelischen Kirche und kann mich in diesen Geisteshaltungen, in diesen Wertanschauungen sehr gut wiederfinden. Ich glaube nur, oftmals wird Freiheit verwechselt und auch diskriminiert und missbraucht als Freiheit von Verantwortung. Nach dem Motto: man kann tun und lassen, was man will. Das hat aber mit liberaler Freiheit und unserem liberalen Freiheitsverständnis nichts, aber auch rein gar nichts zu tun. Denn wir setzen uns ja nicht ein - und da sind wir sehr nah an den christlichen Wurzeln - für Freiheit von Verantwortung. Wir setzen uns ein für die Freiheit zur Verantwortung. Das ist ein wesentlicher Unterschied.

Also Paulus sagt das auch sehr schön: "Obwohl ich frei bin von jedermann, hab ich mich selbst jedermann zum Knecht gemacht", d.h. auch die Freiheit, ein Knecht zu sein.
Das genau ist es: Paulus sagt: "ich habe mich selbst zum Knecht gemacht", d.h. ja nicht, dass er sich untergeordnet hat oder dass er sich abhängig gemacht hat, sondern dass er sein Gegenüber, seine Mitmenschen eben mit seinen Rechten und mit seinem Leben respektiert. Das ist im Grunde genommen dieser Gedanke zur Freiheit zur Verantwortung.

Wo können Sie persönlich sagen, dass Sie sich bewusst oder unbewusst unterordnen, um zu zeigen, dass Sie damit Freiheit umsetzen?
Eigentlich jeden Tag. Immer wieder muss man sich unterordnen. Jeder Mensch ist ein soziales Wesen, und eigentlich muss man sich jeden Tag anpassen und auch arrangieren. Das, finde ich, hat überhaupt nichts antiquiertes oder demütigendes, sondern das hat etwas ganz kluges, nämlich dass der Mensch frei geboren ist. Sein Leben in Freiheit verbringen will. Aber eben auch nur selbst frei sein kann, wenn die anderen in der Gesellschaft frei sein können. Und das sind eben die Grenzen der eigenen Freiheit.
Wie oft möchte man im täglichen Leben jemanden, der einem gegenüber vielleicht etwas stinkig auftritt, richtig den Marsch blasen und die Meinung sagen. Und wie oft liegt einem in bestimmten Situationen das eine oder andere rüde Wort auf den Lippen. Jedenfalls wenn man ein bisschen Temperament hat. Aber man hat nicht die Freiheit, andere zu kränken. Man lässt es. Ist man deswegen weniger frei?

Das heißt aber nicht, dass Sie sich nicht ab und zu die Freiheit nehmen, jemandem auch ordentlich auf den Fuß zu treten?
Ich meine, ich wäre nicht Rechtsanwalt geworden, wenn ich nicht wüsste, dass man auch kämpfen muss im Leben. Und dasselbe gilt natürlich auch für jemanden, der so wie ich in der Politik in relativ weit vorderer Linie stehe. Da muss man natürlich kämpfen. Aber man darf eben nicht glauben, dass das Ganze rücksichtslos werden darf. Und man muss sich, wie ich finde, auch benehmen können.
Also ich will ein ganz profanes Beispiel nennen. Freiheit und Respekt vor anderen, das schließt sich nicht aus. Sondern das bedingt sich.
Wenn man z.B. im Bundestag sitzt. Ich würde mir nie die Freiheit nehmen, mit Schlabberjeans oder im Jogginganzug an einer Sitzung des Bundestages teilzunehmen. Obwohl ich zu Hause mit Sicherheit auf dem Sofa nicht im Anzug sitze.

Welche Rolle spielt der christliche Glaube für Sie persönlich im Alltag?
Der spielt eine präsente Rolle, immer und immer wieder. Ich habe sehr früh schon mich mit der Kirche befasst. Nicht nur im Konfirmandenunterricht, in meiner Kirchengemeinde, sondern vor allen Dingen auch später dann in der Politik als Jungliberaler. Ich habe dabei sehr viele kluge Kirchenfrauen und Kirchenmänner kennen lernen dürfen. Habe aber auch unsägliche Diskussionsbeiträge von Kirchenoffiziellen erleben müssen.
Und beides hat mich geprägt.

Wie würden Sie sich Gott vorstellen? Nehmen wir an, Sie sollten ein Bild malen, wie würde das aussehen oder was wäre da drauf?
Ich würde mir kein Bild von Gott machen. Wenn ich an ihn denke, sehe ich auch nicht eine Figur vor mir, sondern ein Gefühl. Das spüre ich.

Also es ist etwas inneres, was aber dann in den Kopf hineinschwingt?
Ja, es ist ein Gefühl des Halts und der Ruhe. Der Hoffnung. Das soll man nie vergessen. Es gibt ja auch in der Politik Momente, wo man sehr traurig ist und Hoffnung braucht. Oftmals auch mit ganz persönlichen Gründen und Hintergründen, wie bei jedem anderen Menschen auch. Und es ist ein Gefühl der inneren Wärme. Der Gedanke an Gott wärmt mich.

Wie stellen Sie sich Jesus vor oder was bedeutet Jesus für Sie? Das ist ja nun eine ganz andere Person. Auch viel greifbarer.
Wenn ich an Jesus Christus denke, denke ich nicht nur an meine Religion, sondern auch an die historische Gestalt. Und ich glaube, man wird Jesus Christus auch mit seinem Wirken nur gerecht, wenn man ihn als Gottes Sohn, aber zugleich eben auch als Menschen in seiner Zeit betrachtet. Deswegen denke ich an ihn mit Bezug zu meiner Religion, was meinen persönlichen Glauben angeht. Aber ich denke eben auch an die geschichtliche Gestalt.

Glauben Sie an ein Leben nach dem Tod?
Ja sicher.

Wie stellen Sie sich das vor? Sicherlich nicht auf Wolke sieben, oder?
Das muss ich mir nicht vorstellen. Ich stelle mir das nicht so vor, dass man auf einer Wolke sitzt und dann so ein paar Putten hat, die vielleicht Trompete spielen oder Harfenklänge den ganzen Tag. Das stelle ich mir bildlich überhaupt nicht vor. Ich weiß nur, dass es das gibt.

Dass es Sie wieder geben wird - oder weiter geben wird?
Ach es geht doch nicht um mich dabei, alleine.

Nein natürlich nicht, das wäre auch langweilig, wenn es nur einen selbst ginge.
Das ist doch gar keine Frage, dass die Schöpfung nicht mit dem Tod endet. Also da habe ich offengestanden überhaupt gar keinen Zweifel dran.

Wovor haben Sie Angst?
Angst habe ich vor Einsamkeit und wahrscheinlich am allerschlimmsten, Einsamkeit durch Krankheit oder Siechtum. Meine Kräfte zu verlieren, meinen Kopf zu verlieren. Den Körper entgleiten zu sehen, davor habe ich Angst. Das ist aber auch, glaube ich, eine Urangst, die jeder in sich hat.

Konflikte, das ist sicher etwas, was einen Parteivorsitzenden stark beschäftigen muss, so viele verschiedene Meinungen und Menschen unter einen Hut zu bringen. Wie gehen Sie mit Konflikten um, von Ihrem Typ her?
Also ich bin an sich jemand, der auch auf Harmonie setzt. Gerade im Umgang mit den eigenen Parteifreunden und oft genug auch im Umgang mit dem politischen Gegner. Ich bin entgegen dem Bild, das von mir gelegentlich verbreitet wird, ein Mensch, der in Harmonie leben möchte, im Privaten sowieso. Aber ich weiß auch, wahrscheinlich auch durch die Erfahrung mit den eigenen Brüdern, dass man schon ein Stück kämpfen muss, um sich durchzusetzen. Ich habe sehr viel Durchsetzungskraft. Es braucht sehr lange, bis ich mich mit jemanden endgültig und scharf anlege und dann auch wirklich bis in die letzte Schärfe mich in die Auseinandersetzung begebe. In der Politik ist das gelegentlich nötig. Es braucht sehr lange. Aber es ist vorgekommen und es kommt immer wieder vor.

Womit kann man Sie verletzen?
Die Frage ist nicht, womit man mich verletzen kann, sondern wer mich verletzen kann. Wenn man so im öffentlichen Leben steht, dann wird man nicht verletzt durch irgendwelche Leute, die einem nichts bedeuten und die sich in einer Zeitung als Kommentatoren superwichtig tun und sich zum dreißigsten Mal abarbeiten, weil sie einen nicht leiden können. Das ist eben so. Dazu hat meine Oma immer gesagt: "willst nicht, dass die Raben schreien, darfst nicht Kirchturms Spitze sein". Das ist nun mal so. Kritik nehme ich sehr gerne an, aber ich achte auch darauf, wer sie bringt und warum sie gebracht wird. Also es kommt nicht nur darauf an, was jemand sagt, sondern wer etwas sagt.

Wenn Sie einmal einen Wunsch frei hätten, was würden Sie sich wünschen?
Ich würde gerne einmal in meinem Leben, wenn ich es denn könnte, für lange Zeit, also ein paar Monate mindestens, durchs Mittelmeer segeln. Abends in der Kajüte sitzen oder auf dem Deck und selber das Essen herrichten. Viel lesen und einfach all diese wunderschönen Städte und Landschaften am Mittelmeer betrachten. Aber im Augenblick, glaube ich, sollte man mir noch kein Segelboot auf dem Mittelmeer anvertrauen. Das wäre eher ein allgemeines Verkehrsrisiko.

Guido Westerwelle
Guido Westerwelle
... im Gespräch
... im Gespräch
... mit Hanno Gerwin.
... mit Hanno Gerwin.
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Guido Westerwelle
wurde am 27. Dezember 1961 in Bad Honnef geboren. Nach dem Abitur 1980 trat er in die FDP ein und war Gründungsmitglied der Jungen Liberalen. Er studierte von 1980 bis 1987 Rechtswissenschaften in Bonn. 1983 bis 1988 war er Bundesvorsitzender der Jungen Liberalen. Seit 1991 ist er als selbständiger Rechtsanwalt in Bonn tätig. Kreisvorsitzender der Bonner FDP ist er von 1993 an. Seit 1988 ist er Mitglied des Bundesvorstandes. Westerwelle promovierte 1994 zum Dr. jur. an der Fernuniversität-Gesamthochschule-Hagen. Von Dezember 1994 bis 2001 war er als Generalsekretär der FDP tätig, wurde am 8. Februar 1996 zum ersten Mal in den Bundestag gewählt und begleitet seit dem 4. Mai 2001 das Amt des Bundesvorsitzenden der FDP. Die knapp bemessene Freizeit nutzt er bevorzugt für Konzertbesuche und Bücher, für sportliche Aktivität (Mountainbiking, Segeln und Beachvolleyball) oder Reisen nach Italien und Spanien.
Guido Westerwelle ist ledig und lebt in Bonn und Berlin.